Uli Schägger

Reine Stimmung versus Temperierung

Der Begriff Stimmung ist unlösbar mit den pythagoräischen Prinzipien also mit ganzzahligen Verhältnissen verbunden. Der Begriff Temperierung bzw. Temperatur kennzeichnet eben die Abweichung vom Prinzip der Stimmung, also von der „Reinheit“. Ich schildere den Stimmungsvorgang: Ich will z. B. zwei Saiten auf die selbe Tonhöhe stimmen, also schlage ich beide Saiten gleichzeitig an und drehe solange am Wirbel der einen Saite bis ich keine Schwebungen „beats“ mehr höre. Sind jetzt beide Saiten „rein“ gestimmt? Eher nicht! — Warum? Wenn ich zwei Saiten anschlage, ist die Dauer dieses Klangereignisses im Regelfall nicht länger als 10 Sekunden. Wenn nun die Schwebungsfrequenz 1/11 Hz beträgt, so bedeutet das, dass die „beats“ alle 11 Sekunden auftreten. Bei einer Tondauer von 10 Sekunden sind sie schlichtweg nicht zu hören. Auch deswegen spricht La Monte Young von der Stimmung als einer Funktion der Zeit. Das bedeutet, dass durch geeignete Maßnahmen die Tondauer zu verlängern ist, um langsame „beats“ zu eliminieren. Liese man sich zum Stimmen und Klingen Zeit, so fiele die „Unreinheit“ auf.

Für den Hardware-Synthesizer, den David Rayna für La Monte Young konstruiert hat, und den wir auch im Stadl benutzen, gilt, dass mögliche beats nach frühestens 20 Stunden hörbar wären. Temperatur und „schnelle“ Musik gehen also Hand in Hand. Bis zur Renaissance war kein Bedarf für Temperatur. Der Wandel zur Temperatur war keineswegs gleichzeitig und gleichförmig. Es gibt vom 16. Jhd. an immer zahlreichere Varianten der Temperatur - Bachs Wohltemperiertes Klavier war nur eine davon - wobei sich die Gelehrten streiten, wie Bach denn gestimmt habe. Sicher scheint dagegen, dass die verfügbaren Aufnahmen wenig mit dem Bach-Sound zu tun haben dürften. Zumal seit dem 19. Jhd. sich immer mehr die „gleichschwebende temperierte Stimmung“ – genauer die „gleichschwebende Temperatur“ – durchgesetzt hat und die historischen Temperaturen verdrängt hat (wobei es selbstverständlich Ausnahmen gibt).